Gemeinderat - Gruppe 1
Vier Frauen berichten über ihre politischen Erfahrungen im Gemeinderat.
Mit ihrem Engagement als Gemeinderätinnen leisten Frauen einen wertvollen Beitrag für die Gemeinde und beweisen damit, dass Politik nicht nur Männersache ist.
Die Interviewrunde:
Angelika Stöckel, Stefanie von Grünigen-Sele, Karin Rüdisser-Quaderer

und Monika Frick
Angelika Stöckel, Triesenberg: GR seit 2007, Personal- und Jugendkommission, Assistentin VPBank
Stefanie von Grünigen-Sele, Eschen: GR seit 2007, Ressort Bildung, selbstständig als Texterin und Studentin BWL
Monika Frick, Balzers: GR seit 2007, Ressort Gesundheit und Familie, Hausfrau
Karin Rüdisser-Quaderer, Schaan: GR seit 2003, Ressort Bildung, TAK-Genossenschafts-Vizepräsidentin, Geschäftsführerin Kriseninterventionsteam
Gehen wir zurück zum Moment der Anfrage für eine Kandidatur in den Gemeinderat. Was denkt ihr, weshalb ihr angefragt wurdet?
Angelika: Ich war ehrlich gesagt ziemlich überrascht über die Anfrage, zumal ich mich bislang politisch nicht engagiert hatte. Gesucht wurden Kandidatinnen und Kandidaten mit gesundem Menschenverstand und der Fähigkeit, sich eine Meinung zu bilden und diese zu äussern. Das trifft auf mich zu und so kam die Kandidatur zustande.
Stefanie: Mich hat niemand gefragt, sondern ich habe mich selbst vorgeschlagen. Ich war schon länger politisch aktiv und hatte bereits für den Landtag kandidiert. Trotz eher schlechten Chancen als Frau, Nicht-Unterländerin und Freie Liste-Vertreterin wollte ich es einfach wagen.
Karin: Angefragt wurde ich bereits in den neunziger Jahren, es hat aber einfach nicht in meine damalige Lebensplanung gepasst. Politisch war ich allerdings immer aktiv, schon von Haus aus. Ich denke, das war allgemein bekannt und man hat mir dieses Mandat zugetraut. 2003 war ich dann soweit, ja zu sagen.
Monika: Als gebürtige Unterländerin war die Anfrage vielleicht nicht so selbstverständlich, doch ich war schon vorher in verschiedenen Kommissionen und Vereinen in Balzers tätig. Daher war ich bekannt für mein Engagement und wurde wohl deshalb auch angefragt. Es brauchte aber mehrere Anfragen, bevor das Interesse für den Gemeinderat geweckt war.
Wie ging die Entscheidungsfindung vor sich? Habt ihr euch bei bestehenden GemeinderätInnen informiert?
Stefanie: Vor meiner Kandidatur war ich bereits im Gemeindeschulrat als Protokollführerin, erst unter Marlies Amann, später unter Paul Eberle. Zwei Gemeinderäte mit viel Erfahrung. Sie haben mir sehr gut aufgezeigt, was inhaltlich und vom Aufwand her auf mich zukommt. So gesehen ist die Arbeit in einer Kommission sicher auch eine gute Vorbereitung für die Arbeit im Gemeinderat.
Monika: Ich habe schon die Meinung von Familie und Freunden eingeholt und erhielt von allen Seiten Zuspruch Auch die Überlegung, dass man nicht immer mehr Frauen in der Politik fordern kann, und selbst nichts dazu beiträgt, hat zu meiner Entscheidung beigetragen.
Karin: Die Bestätigung von anderen, das zu schaffen, war für mich sicherlich auch wichtig, bevor ich endgültig ja sagen konnte. Was auf mich zukommt, habe ich allerdings nicht wirklich gewusst. Meine Vorgängerin Doris Frommelt hat mir dann sehr geholfen, mir einen Überblick über mein Ressort zu verschaffen.
Angelika: Meine Familie hat mir erst eher abgeraten wegen des zeitlichen Aufwands, aber ich habe mir anhand von Gesprächen und der öffentlichen Gemeinderatsprotokolle ein genaueres Bild gemacht. Da war mein Interesse dann endgültig geweckt.
Entspricht die Praxis euren Vorstellungen, mit denen ihr das Amt angetreten habt?
Angelika: Im Grossen und Ganzen schon. Man bekommt Einblick in alle Bereiche der Gemeinde und sieht diese dann auch mit anderen Augen. Mein Allgemeinwissen hat sich durch die Arbeit im Gemeinderat erweitert.
Karin: Ja, welche Frau weiss sonst schon, was ein Dückerschacht ist (lacht). Es ist einfach eine spannende Herausforderung. Gerade mein Ressort erfordert nebst der strategischen Planung Flexibilität und aktive Mitarbeit und ist somit wie geschaffen für mich. Man kann etwas bewegen, Ideen umsetzen. Oft werden auch Fachleute hinzugezogen und es geht dann wirklich um die Sache, und nicht um Parteipolitik.
Ist Parteiengezänk wirklich kein Thema?
Stefanie: Die Freie Liste ist immer eine Minderheit, das hab ich schon zu spüren bekommen am Anfang. Ich habe viel investiert, um ernst genommen zu werden. Diesen Aspekt habe ich unterschätzt. Was aber unglaublich Spass macht, ist mein Ressort mit seinen vielen Facetten.
Angelika: Je nach Zusammensetzung des Gemeinderats bleibt es nicht aus, dass es oft auch um Partei- und nicht immer nur um Sachpolitik geht.
Monika: Genau diese Befürchtungen hatte ich anfangs auch, diese haben sich aber überhaupt nicht bestätigt. Auch der Zwang durch die Fraktion besteht nicht. Dass die Gemeinderätin der Freien Liste oder die Frauen allgemein es schwerer im Gemeinderat haben, trifft im Fall von Balzers meiner Meinung nach sicher nicht zu.
Wer ist verantwortlich dafür, dass der Frauenanteil in den Gemeinderäten immer noch so niedrig ist?
Karin: Die Frauen selbst wahrscheinlich. Ich kenne viele sehr fähige Frauen. Es ist einfach schade, dass sich die meisten vor dem Parteibekenntnis fürchten, sich selbst zuwenig zutrauen und vielleicht auch Angst davor haben, nicht gewählt zu werden.
Stefanie: Gerade den Nicht-Gewählten sollte besonderes Augenmerk von der Partei geschenkt werden, damit sie nicht die Lust verlieren und auch einen zweiten Anlauf wagen. Manchmal ist die erste Kandidatur eine Chance, bekannter zu werden in einer Gemeinde, auch ohne politisch aktive Familie im Rücken. Wenn man dann am Ball bleibt, ist die Chance gross, doch noch gewählt zu werden.
Angelika: Ich sehe das genau so. Eine Wahlniederlage ist sicher schwierig, sollte aber nicht zu persönlich genommen werden. Vor allem sollte die wohl kein Grund sein, nicht zu kandidieren.
Frauen sollten also mit mehr Selbstvertrauen an die Sache gehen.
Monika: Auf jeden Fall. Die Arbeit im Gemeinderat ist vergleichbar mit einer sonstigen beruflichen Tätigkeit. Man arbeitet mit Frauen und Männern zusammen, sieht sich mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert und versucht im Team, zu einem Ergebnis zu kommen.
Karin: Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: der Gemeinderat ist sogar familienfreundlich. Man kann sehr gut vorausplanen und schliesslich wird man ja auch finanziell entschädigt für seine Arbeit.
Angelika: Allein der finanzielle Anreiz sollte aber nicht die Hauptmotivation sein. Das Interesse an der aktiven Gestaltung der Gemeinde mit gleichzeitiger persönlicher Weiterbildung steht für mich definitiv im Vordergrund.
Stefanie: Ich gebe dir recht, doch wer sich für eine Kandidatur interessiert, sollte sich nicht scheuen, die Frage nach der Entlöhnung zu stellen. Damit kann durchaus ein Beitrag zum Familieneinkommen geleistet werden.

